Beim grenke Schachfestival in Karlsruhe an Ostern bestreiten viele Schachspieler zum ersten Mal in ihrem Leben ein Turnier im Freestyle Chess (=Schach960).
Da die Figuren nicht in ihrer gewohnten Grundstellung stehen, stellt sich eine wichtige Frage: Wie funktioniert im Freestyle Chess die Rochade?
Teilweise ergeben sich verblüffende Konstellationen, obwohl die Grundregeln der Rochade dieselben sind wie bei der "normalen" Startposition. Wir fassen die Regeln und die wichtigsten Prinzipien zusammen.
Übrigens: Für Hardcore Freestyle-Fans gibt es gar keine "normale" Grundstellung. Die gewohnte Anordnung der Figuren trägt für sie schlicht den Namen "Startposition 518".
1. Es gibt die c-Rochade und die g-Rochade
Die Begriffe "kurze Rochade" und "lange Rochade" treffen in vielen der 960 Startpositionen nicht zu. Daher ist es präziser, die beiden Rochaden nach der Linie zu benennen, auf der der König nach der Rochade steht, also c-Rochade und g-Rochade. Denn nach der c-Rochade steht der König auf c1 bzw. c8, nach der g-Rochade steht er auf g1 bzw. g8.
Im Englischen werden überwiegend wie beim normalen Schach die Begriffe "castling kingside" und "castling queenside" verwendet. Die offiziellen FIDE Laws of Chess sprechen allerdings auch von "c-side-castling" und "g-side-castling". Eingebürgert hat sich das aber noch nicht - so sprach Kommentator David Howell beim Freestyle-Turnier in Paris von "castling a-side" und "castling h-side".
Im Notationsformular wird die g-Rochade wie im klassischen Schach als 0-0 und die c-Rochade als 0-0-0 eingetragen.
2. Der Turm landet wie gewohnt auf der d- bzw. f-Linie
König und Turm stehen nach der erfolgten Rochade auf den gewohnten Feldern. Für den Turm heißt es: Nach der c-Rochade steht er (wie beim "Normalschach") auf d1 bzw. d8, nach der g-Rochade wie gewohnt auf f1 bzw. f8.
3. Zwischen König und Turm darf keine Figur stehen
Wie in Startposition 518 darf auch in allen anderen 959 Startpositionen keine Figur zwischen König und Turm stehen. Das bedeutet, dass eine Rochade immer dann erst möglich ist, wenn die dazwischenstehenden Figuren gezogen wurden (falls überhaupt welche dazwischen stehen).
4. König und Turm dürfen noch nicht gezogen haben
Auch diese Regel ist schon bekannt und gilt genauso im Freestyle Schach.
5. Der König darf nicht bedroht sein oder über/auf ein bedrohtes Feld gehen
Auch diese Regel aus dem Normalschach gilt beim Freestyle gleichermaßen.
Im folgenden Beispiel darf Schwarz nicht die g-Rochade durchführen, da die Dame a3 das Feld f8, über das der König ziehen müsste, beherrscht.
Weiß darf jedoch die c-Rochade durchführen. Die schwarze Dame beherrscht nur das Feld b1, über das der König nicht ziehen muss. Dass der Turm bedroht ist, ist (wie gewohnt) egal.
6. Es ist egal, wieviele Felder der König überwindet
Bei der normalen Startposition überwindet der König immer zwei Felder, bei der kurzen wie bei der langen Rochade.
Im Freestyle Chess ist diese Zahl egal. Es können 0, 1, 2, 3, 4 oder 5 Felder sein. Im folgenden Beispiel (Vidit-Blübaum, Fischer Random Knockout Qualifizer 2019) zieht der weiße König bei der c-Rochade gar nicht, weil er schon auf c1 steht. Der Turm stellt sich einfach nur von a1 nach d1:
7. Es ist auch egal, wieviele Felder der Turm überwindet
Normalerweise überwindet der Turm bei der kurzen Rochade zwei und bei der langen Rochade drei Felder. Auch beim Turm ist die Zahl im Freestyle Chess nicht vorgegeben. So kann es auch bei ihm vorkommen, dass er einfach stehenbleibt.
Hier kann Schwarz die g-Rochade spielen, indem einzig der König von b8 nach g8 wandert. Der Turm bleibt auf seinem Start- und Zielfeld f8.
8. Der König darf sich auch in Richtung Brettmitte bewegen
Üblicherweise wandert der König bei der Rochade in Richtung Brettrand. Im Freestyle Chess kann es vorkommen, dass der König auch Richtung Brettmitte wandern darf. In dieser Stellung steht der weiße König auf b1. Er darf nun die c-Rochade durchführen und sich auf c1 stellen.
Kleine Kontrollfrage: Welchen Turm muss Weiß ziehen und wohin?
Antwort: Es handelt sich wie beschrieben um die c-Rochade. Für diese ist der linke Turm, also der Turm a1 zu nehmen und auf d1 zu positionieren. Der rechte Turm wäre für die g-Rochade (die zurzeit wegen der Dame g1 nicht möglich ist) zuständig.
Beachte: König und Turm wandern hier - etwas ungewohnt - beide in dieselbe Richtung, wobei der Turm den König dabei "überholt".
9. Zugreihenfolge und Rochade-Ankündigung
Bekanntermaßen wird bei der normalen Startposition zuerst der König auf sein Zielfeld gezogen, bevor der Turm auf die andere Seite des Königs gestellt wird. Zieht man den König zwei Felder weit, ist dem Gegner sofort klar, dass noch ein Turmzug folgt.
Beim Freestyle Chess kann es vorkommen, dass der König sich bei der Rochade nur um ein Feld bewegt. Dann ist es für den Gegner nicht ersichtlich, ob der König einen Solo-Zug machen möchte oder ob er rochieren möchte. Um Missverständnisse wegen der Berührt-geführt-Regel zu vermeiden, sollte man deshalb die Rochadeabsicht vorher ankündigen. Dazu gibt es zwei Möglichkeiten:
- eine Ankündigung in Worten (so z.B. empfohlen in der Chess-Tigers Lektion 1 zu Chess960) und/oder
- indem man den König zunächst neben das Brett stellt, dann den Turm zieht und zuletzt den König auf das Feld c1/c8/g1/g8 positioniert.
Die FIDE empfiehlt in ihren Laws of Chess beide Vorgehensweise, allerdings nur als "recommended" bzw. "useful" und nicht als zwingend notwendig.
Verblüffende Beispiele:
Einige interessante Beispiele zum Schluss:
Rochade im 1. Zug
Weiß und Schwarz dürfen in der folgenden Stellung bereits im ersten Zug die c-Rochade durchführen. Es handelt sich um die sog. Platzwechselrochade, d.h. Kd1 und Tc1 tauschen ihre Plätze.
Gut ist die Platzwechselrochade im ersten Zug vermutlich nicht, da ja anfangs noch gar nicht klar ist, ob der König auf der c-Linie wirklich sicherer steht als auf der d-Linie. Außerdem tut der Zug nichts für die Figurenentwicklung, die auch im Freestyle Chess enorm wichtig ist.
Rochade zur Spielverlagerung
In der Partie Oparin-Fedoseev 2019 (chess.com) tauschte Schwarz den Turm auf der b-Linie ab. Für Weiß sieht die Stellung aufgrund des starken Damenflügels vielversprechend aus.
Doch mit der g-Rochade (König c8-g8 und Turm d8-f8) nahm Schwarz seinen König aus dem Feuer und brachte den Turm auf die vorteilhaftere Seite des Königs. Die Stellungsbewertung zeigte plötzlich leichten Vorteil für Schwarz. Chess.com gab der Rochade zwei Ausrufezeichen ("brilliant").
Rochade als Angriffszug:
Auch der beste Spieler der Welt geht im Freestyle Chess manchmal baden, wie hier mit den weißen Steinen. In der Partie Carlsen-Grischuk (chess.com 2017) rochierte Schwarz.
Kontrollfrage: Mit welchem Turm tauscht der schwarze König die Plätze?
Antwort: Der Turm e8 ist kein geeigneter Tauschpartner für den schwarzen König, da der König am Ende der Rochade auf c8 oder g8 stehen muss. Daher kann der schwarze König die Platzwechselrochade mit dem c8-Turm durchführen.
Das aus der Rochade entstehende Schachgebot kann Weiß nur parieren, wenn er sich mit der Dame dazwischenwirft. Carlsen gab nach der Rochade direkt auf.
Zu guter Letzt: Strategische Rochadetipps
Königssicherheit spielt auch und gerade beim Freestyle Chess eine wichtige Rolle. Deshalb kommt der frühzeitigen Rochade beim Freestyle Chess eine große Bedeutung zu. Für die Entscheidung zwischen c-Rochade und g-Rochade empfiehlt sich die Abzählmethode. Das bedeutet, bereits zu Beginn der Partie abzuzählen, wieviele Züge notwendig sind, um eine c-Rochade bzw. eine g-Rochade durchzuführen. Ist der Unterschied groß, so kann es sinnvoll sein, die schnellstmögliche Rochade anzustreben.
In der Standardposition 518 benötigt man mindestens drei Züge für die g-Rochade (z.B. g3, Lg2, Sf3) und vier Züge für die c-Rochade.
Lernfrage: Wieviele Züge sind es in der folgenden Startposition 815?
Lösung: Für die c-Rochade sind 3 Züge nötig (c1 und d1 freiräumen; dazu ist ein Bauernzug nötig). Für die g-Rochade sind es 6 Züge. Weiß sollte daher - natürlich abhängig vom Spielverlauf - eher die c-Rochade anstreben.
Falls Fehler gefunden werden, bitte Info an schachgefluester@gmail.com oder im Kommentarfeld anmerken!
Weiterführende Links / Quellen:
Chess Tigers Lektionen zu Chess 960: Lektion 1 | Lektion 2
Alle 960 Startpositionen und Zufallsgenerator (Rafael Kloth)
Video von Dr. Ulrich Zenker zu Rochaderegeln
chess.com: How to castle in Fischer Random Chess
Strategische Tipps von Weissenhaus Freestyle
Masterclass Freestyle Chess von Niclas Huschenbeth